Wanted: 25.000 Pflegekräfte, 3.000 Kassenärzte. Ein Kapazitätsproblem oder Folge von Ignoranz?

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Alle reden von einer Stagnation und wahrscheinlich steigenden Arbeitslosenzahlen. Dabei gibt es Berufszweige, die händeringend um qualifizierten Nachwuchs bitten. Noch dazu in einem nachhaltigen, sinnstiftenden und ökonomisch gesehen, krisenfesten Segment. Wir reden von der Gesundheitswirtschaft, aber auch von der Pädagogik. Es fehlen nämlich auch Hunderte Lehrer für die Grund- und Mittelschulen sowie für die Vorschulen und Kindergärten. Und wir reden von einer drohenden Erodierung des Sozialstaates.

Österreich ist kein Einzelfall: Ärztemangel, Lehrermangel und Pflegekraftmangel gibt es in den meisten hochzivilisierten Ländern Europas. Das ist einer Politik geschuldet, die jahrzehntelang wenig für das Image dieser Berufe getan hat, kaum öffentliche Wertschätzung gezeigt hat. Und schlecht gezahlt hat. Im Gegenteil: Wann immer man von Gesundheit oder sozialpädagogischen Maßnahmen sprach, hieß es zunächst: Einsparen, Doppelgleisigkeiten vermeiden, verschlanken und refinanzieren.

Was daraus geworden ist, sieht man heute. Zu Schulbeginn wussten hunderte Pflichtschulen nicht, wie viele Lehrer sie genehmigt erhalten, insbesondere im urbanen Raum . Bis heute fehlen österreichweit zumindest 1.000  idealerweise sogar 2000 kassenärztliche Ordinationen, nicht nur in Randgebieten und am Land, sondern verstärkt auch in Städten.

Jetzt schlagen diejenigen, die jahrelang zugesehen haben, Alarm. Spät. Und wieder mit falschen Argumenten. Die einen wollen die Zahl der Studierenden verdoppeln, obwohl es genügend Studienplätze für Medizin gibt, die anderen wollen Wahlärzte verpflichten, Kassenverträge anzunehmen oder im Wort Case, in Krankenhäusern zu arbeiten.

An die Betroffenen wird zu Letzt gedacht. Außer in Sonntagsreden. Da fordert man Deckelungen bei Wartezeiten, obwohl man weiß, dass sie niemals eingehalten werden können, solange es nicht mehr Personal gibt. Oder man fordert Gehälter für freiwillig pflegende Angehörige, im Wissen, dass sie einerseits überfordert sind, anderseits auch ihre Zahl abnehmen wird, aus demographischen und soziographischen Gründen.

Der Wahrheit schaut man nicht gern ins Auge. Sondern lamentiert über die Proteste der Ärzteschaft, oder der Pflegekräfte. Und wundert sich, dass im Krankenhaus Nord zwei OP-Säle nicht betrieben werden können, weil es keine OP -Schwestern gibt.

Da redet man über Pflege Zuhause, wissend, dass über 80 Prozent der Wohnungen nicht behindertengerecht sind und, dass es an 24-Stunden-Pflegekräften ebenso mangelt, wie an mobilen Services oder Tagesbetreuungszentren. Obendrein, wer kann sich schon eine 24-Stunden-Pflege leisten?

Es wundert nicht, wenn die privaten Versicherungen prognostizieren, dass die Ausgaben für Gesundheit in den kommenden 5 Jahren auf 14,5 – 15% des BIP ansteigen werden. Dieser Anstieg wird Großteils privat finanziert – denn die öffentlichen Ausgaben sind seit Jahren mehr oder weniger konstant geblieben.

Die Kernfrage aber ist: woher nimmt man in Kürze das benötigte Personal? Anwerben aus dem Ausland? Sonderprämien für Ärzte, die in Österreich bleiben? Bieterwettkampf unter den Krankenhäusern? Diese Frage beantwortet keiner. Denn sie ist nicht zu beantworten. Humandienstleistungen bedürfen einer langen und qualifizierten Ausbildung, mit Kurzschulungen ist nichts getan.

Um wenigstens mittelfristig die  Zukunft zu sichern, sollten sich alle die Hände reichen. Und gemeinsam eine Gesundheitspolitik für die kommenden Jahre beschreiten – parteiübergreifend.

Abgesehen: alt und krank werden wir alle einmal. Und dann wollen wir uns auf ein funktionierendes System verlassen – und werden es einfordern.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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