Mehr psychisch kranke Menschen. Weniger Kapazitäten. Unterversorgung und fehlende Unterstützung durch Krankenkassen.

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Die Zahl der psychisch Kranken steigt – teilweise in zweistelligen Raten. Neue Krankheiten kommen sozial bedingt hinzu: So werden Gaming- und Internetsucht ab 2021 in die Kategorie der Krankheiten aufgenommen. Knapp 20 Prozent der Berufskrankenstände sind bereits auf psychische Ursachen zurückzuführen. 2 Drittel der Frühpensionierungen erfolgen wegen psychischer Erkrankungen. Insgesamt sind 1,2 Millionen Österreicher psychisch krankheitsgefährdet, über 400.000 sind ernsthaft krank und müssten rechtzeitig therapiert werden. Werden sie aber nicht. Therapieplätze, Behandlung auf Krankenschein das alles gibt es in viel zu geringem Ausmaß.

Zudem herrscht in kaum einem Fach derart krasser Ärztemangel, wie in der Psychiatrie und Kinderpsychiatrie. Österreich sieht international schlecht aus.

Der KAV sucht – mittlerweile bereits im Ausland – verzweifelt nach Psychiatern. Abteilungen können nicht eröffnet werden, weil es keine Ressourcen gibt. Teilweise werden psychisch Kranke auf Stationen verlegt, in denen sie nur suboptimal versorgt werden können und für andere Patienten eine Belastung darstellen.

Die Wartezeiten auf eine psychiatrische Behandlung bei einem niedergelassenen Arzt sind deutlich zu groß. Also sind viele Patienten gezwungen, sich privat therapieren zu lassen. Das kostet viel Geld. Und verringert die Wartezeiten nur unerheblich. Zudem werden viele psychotherapeutische Behandlungen oder psychologische Beratungen von der Krankenkasse gar nicht bezahlt. Dagegen wendet sich nun der Verband der Psychologen und  Psychotherapeuten und fordert eine stärkere Öffnung. Und mehr Behandlungen auf Krankenschein.

Das alles ändert wenig an der Situation, solange es den Ärztemangel gibt. Und so lange auch in der Gesundheitspolitik kein Umdenken stattfindet. Dabei sind es gerade Politiker, die beispielsweise stärker Burnout gefährdet sind als andere Menschen. Allein aus der Selbstanalyse müssten sie wissen, wie wichtig funktionierende Therapieangebote sind.

In Wien gibt es beispielsweise nur eine spezialisierte Suchtklinik. Sie ist überlastet, noch dazu wo sich die Struktur der Patienten geändert hat: Nicht mehr nur Alkoholkrankheiten und Drogenabhängigkeiten werden behandelt, im verstärken Ausmaß ist es Internet- und Gaming Sucht.

Dass es in einem Land mit signifikant vielen alkoholgefährdeten Menschen wie Österreich kaum geeignete Therapiezentren gibt, ist an sich schon absurd.

Notwendig ist eine Intensivierung der Facharztausbildung, notwendig sind aber auch infrastrukturelle Maßnahmen: Hier ist die öffentliche Hand ebenso wie die Sozialversicherung gefordert.

Es werden zwar – relativ locker – Gesundheitskuren verschrieben, bei solchen Erlangen jedoch ist man wesentlich rigider. Vielleicht auch, weil es keine Kapazitäten gibt.

Gefahr ist in Verzug. Handeln ist notwendig. Und wohl auch eine neue Definition von Leistungen bei psychischen Erkrankungen.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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