Gibt es noch Gerechtigkeit? Über den Stellenwert von Humandienstleistungen .

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Alle reden – in Freitagsnachrichten – über die Bedeutung der Freiwilligen Helfer, von der Feuerwehr bis zu den pflegenden Angehörigen. Und alle loben den heroischen Einsatz der Rettungsdienste. Notärzte und Allgemeinmediziner – zum Beispiel am Land. Wenn es dann ums Eingemachte geht – nämlich pekuniäre und immaterielle Wertschätzung – verschließen sich die Mienen und Geldtaschen. Dann heißt es: Schuldenbremse.

Wie viel ist die Arbeit eines Arztes und einer Pflegefachkraft wert, wie viel der Einsatz eines Lehrers oder einer Kinderpädagogin. Humane Dienstleistungen – und auch wissenschaftliche Erkenntnisse – lassen sich nicht so einfach messen, wie Stückzahlen in einer Produktion oder Sekunden und Zehntelsekunden, wie bei einem Spitzensportler.

Was ist es uns wert, wenn in Extremis Leben gerettet werden, dank des Einsatzes eines gut eingespielten, medizinischen Teams? Was ist es der Gesellschaft wert, wenn auch Menschen mit Behinderung und Handicap integriert werden und sich entfalten können.

Was ist es uns hingegen Wert, wenn dank einer Milliardeninvestition auf einer Strecke von A nach B beispielsweise 20 Minuten eingespart werden?

Tatsache ist: Menschen, die im öffentlichen Dienst arbeiten, die Humanleistungen erbringen, werden schlechter bezahlt als etwa mittlere Angestellte in der Privatwirtschaft. Und werden sehr gerne als Sündenböcke abgestempelt, wenn das System versagt. Zumeist versagt das System, wenn an Personal gespart wird.

Kann die öffentliche Hand eigentlich stolz drauf sein, wenn sie in der öffentlichen Verwaltung gut ausgebildete Menschen einspart und durch „Private“ ersetzt? Und kann eine Regierung nur daran gemessen werden, ob sie ein Nulldefizit erreicht und die Staatsschulden abbaut?

Ist es Aufgabe der öffentlichen Hand Unternehmen – und in Österreich gibt es viele Tochterunternehmen des Staates oder der Länder – Profit zu erwirtschaften und sich an den Ertragszielen der Privatwirtschaft zu orientieren?

Wenn wir heute über das Gesundheitssystem, über Vorsorge und Daseinshilfe reden, dann sollten wir diese Aspekte viel stärker in den Vordergrund rücken. Es ist nicht nur das BIP alleine, das zählt. Das erkennen inzwischen auch Ökonomen zum erklecklichen Teil.

Was meinen wir damit, wenn wir von sozialer Arbeit sprechen: Anerkennung derjenigen, die über das notwendige Maß engagiert sind, gemeinschaftliche Leistungen von Staatsbürgern?

Oder meinen wir einfach: Auslagern von staatlichen Aufgaben an die Zivilbevölkerung, weil das nichts kostet – wie die pflegenden Angehörigen, die freiwillige Feuerwehr oder die vielen Hilfsvereine?

Reden wir einmal darüber.

Dann werden sich auch Modelle finden lassen, wie man Leistungen im Dienste der Gesundheit anständig bezahlt. Nicht nur das. Wie man Respekt zollen sollte.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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