Ärzte sind freie Berufe! Keine Aufweichung der ärztlichen Souveränität. Kein Primat der Ökonomie in den Krankenhäusern.

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Ärzte sind keine weisungsgebundenen Dienstnehmer. Sondern ausschließlich den Patienten und dem ärztlichen Ethos verpflichtet. Niemand kann und soll ihnen diese Verantwortung abnehmen. Ärzte absolvieren einen der längsten Berufsausbildungen, die es gibt, und sind strengen ethischen Regeln unterworfen. Sie sind auch keinen betriebsökonomischen Zwängen eines Krankenhauses verpflichtet – auch wenn in der Realität vielerorts schon die Ökonomen und Financiers die Macht übernommen haben. Derartiges geht nahezu immer zu Lasten der Patienten aus.

Deshalb gilt es zwei Momente zu erhalten: die ärztliche Freiheit, die Souveränität der freien Berufe und den Primat des öffentlichen Gesundheitssystems. Gesundheit und Wohlbefinden, Genesung und Erkrankung lassen sich nicht formal messen, ebenso wie Verletzungen sich nicht nach Plan  ereignen. Deshalb kann man die Gesundheitsversorgung auch nicht an Maßstäben wie BIP,wirtschaftliche Leistung und industrielle Produktionsprozesse messen. Das muss auch der Politik klar sein, wenn sie sich dem Sozial- und Wohlfahrtsstaat verpflichtet sieht: was wir annehmen.

Gesundheitsversorgung basiert auf einem solidarischen Prinzip der Umverteilung. Das man die Umverteilung effizienter und gerechter gestalten kann, steht außer Zweifel. Das heißt aber nicht, dass man sie hinterfragen soll. Sämtliche auf Kapitalstock und privaten Versicherungsleistungen aufgebauten Systeme führen à la longue zu einer Spaltung der Gesellschaft. Und zu einer Mehrklassen-Systematik.

Das muss verhindert werden. Wobei wir Ärzte nichts gegen zusätzliche Privatversicherungen haben, die mehr Komfort und Wahlfreiheit erlauben. Jeder soll sich den Arzt seines Vertrauens aussuchen können und das Krankenhaus seiner Wahl, wenn er zusatzversichert ist.

Aber das rüttelt nichts an der akuten medizinischen Versorgung die für alle gleiche Standards aufweisen muss. Jeder hat das Recht auf bestmögliche medizinische Versorgung, Diagnose, Therapie und operativen Eingriffe, die notwendig sind. Das muss ein System garantieren.

Garantieren kann das System aber nur, wenn es genügend qualifiziertes Personal hat, Die notwendige Infrastruktur und die notwendigen Redundanzen aufweist. Das heißt, dass auch  in Ausnahmefällen – Epidemien, Katastrophen, Grippewellen – genügend Personal vorhanden ist, um alle bestmöglich zu behandeln.

Wer nun mit dem Sparstift die Redundanzen beseitigt, im Gegenteil, sogar Planposten einspart oder nicht nachbesetzt, gefährdet das System und die Versorgungsqualität: überarbeitete Ärzte, lange Wartezeiten, falsch ausgelastete Ambulanzen und das Zerbröseln des Netzwerkes zwischen muralem und nicht muralem Segment. Davor müssen wir warnen. Es gibt zu viele selbsternannte Gesundheitspolitiker, die von Doppelgleisigkeiten und Einsparungen reden – oder faseln – ohne zu wissen, wie  komplex das  System ist und ohne zu bemerken, was sie an Solidarität und Versorgungssicherheit auf das Spiel setzen.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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