1450 und 0-Smoking. Lichtblicke im Gesundheitssystem? Oder nur kurzes Aufflackern?

1,045 total views, 5 views today

Seit 4. November ist die „Gesundheitshotline“ 1450 österreichweit im Einsatz. Die bisherigen Testerfahrungen in Wien und auch Vorarlberg waren positiv. Und der 4. November ist der erste Montag ohne Rauchen in der Gastronomie. Die Umstellung ist reibungslos verlaufen. Die Vernunft ist höher als gedacht.

Das sind einige Lichtblicke für die Gesundheitsversorgung in Österreich. Rauchverbote führen nachweislich zu einer Reduktion der Lungenkrebserkrankungen. Mit der 1450er Nummer sollten sowohl Krankenhausambulanzen als auch Ordinationen in Spitzenzeiten entlastet werden. Das ist erfreulich. Sollte aber nicht die Versorgungsengpässe in Österreich übertünchen.

Das strukturelle Problem des Gesundheitssystems ist Ressourcenmangel und Asymmetrie in der Auslastung im öffentlichen Bereich. Wir haben einen Ärztemangel, der sich monatlich verschärft. Wir haben eine Unterversorgung mit Pflegefachkräften und teilweise veraltete Infrastruktur in den Spitälern. Hier sind Milliardeninvestitionen notwendig. Ebenso wie man mittelfristig nicht um die Umwidmung kleinerer Spitäler -zum bespiel zu Pflege Zentren oder Erstversorgungszentren – umhinkommen wird.

Das Dilemma, dass sich bei den Allgemeinmedizinern im Kassenbereich abzeichnet, ist seit Jahren bekannt.Die Versorgungslücken sind dramatisch. In bestimmten Fächern – Kinderheilkunde, Kinderpsychiatrie, etc. – ist die Situation besonders besorgniserregend. Mittelfristig ist keine Besserung zu sehen. Im Gegenteil, die Überalterung bei Kassenärzten oder Oberärzten in Krankenhäusern ist signifikant hoch.

Gar nicht zu reden von Prävention oder Altenpflege. Hier sprechen zwar alle von notwendigen Maßnahmen, die umfassenden Pflegepakete, wie sie bereits vor mehr als einem Jahr angekündigt wurden, sind nicht einmal im Detail entwickelt, geschweige denn entscheidungsreif.

Wir stehen vor einem doppelten Dilemma: Man muss kurzfristig Ersatz für die fehlenden Ärzte schaffen und mittelfristig das Gesundheitssystem neu und integrativ aufstellen. Weg vom reparativen Denken hin zum gesunderhaltenden und krankheitsprävenierenden.

Und man kann es drehen und wenden wie man es will: Es wird zusätzliches Geld kosten. Geld, dass angesichts der erfreulichen Budgetsituation auch vorhanden ist. Und Geld, das eine sinnhafte Investition darstellen würde. Alleine im Gesundheitsbereich – inklusive Pflege und Coaching – könnten  bis zu 150.000  zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden, die nachhaltig sind und zudem qualifiziert. Das würde der Kaufkraft gut tun, dem alleinigem Wohlstand und könnte zusätzliche positive Effekte auslösen.

Wenn man hingegen spart, dünnt man das System noch mehr aus und belastet wiederum die Zivilgesellschaft, die sich die ärztliche Versorgung zum Teil aus der eigenen Tasche bezahlen muss, wenn sie es sich leisten kann.

Dann haben wir Zustände, wie in Amerika, das nachweislich die höchsten Gesundheitsausgaben im Verhältnis zum BIP hat: Allerdings zum Großteil getragen durch die Individuen selbst, die gezwungen werden, ihre Ersparnisse aufzulösen oder zwei Jobs anzunehmen, auch wenn sie deutlich über 65 Jahre sind.

Wie gesagt, es ist gut, dass wir das Rauchverbot haben. Dass es eine neue Gesundheitshotline gibt. Aber das heißt noch lange nicht, dass das System in Ordnung ist und Reformwilligkeit vorhanden ist. Das bezweifeln wir.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Kommentar verfassen