Mehr Geld für die Medunis, ja. Aber keine zusätzlichen Studienplätze. Wenn Halbwissen und Machtdünkel die Politik beherrschen.

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Die Landeshauptleutekonferenz unter der Führung von Elisabeth Mikl Leitner hat eine Resolution beschlossen, wonach es mehr Studienplätze an Medunis geben müsse, um den Ärztemangel zu beseitigen. Und es müsse mehr Geld für die Unis geben. Letzteres ist richtig und notwendig, ersteres ist unlogisch und, unnötig und kontraproduktiv.

Es ist nicht gut, wenn Politik von Populismus und Halbwissen getrieben wird.

Zunächst: Wir haben in Österreich nicht das Problem, dass es zu wenig Medizinabsolventen gibt. Im Gegenteil: Wir liegen da sehr gut. Das Problem ist, dass vier von zehn Absolventen entweder ins Ausland gehen oder einen anderen Beruf ergreifen.

Wir haben in Österreich zu wenige Allgemeinmediziner im Kasssenbereich, und enorme Versorgungslücken am Land. Und wir haben insgesamt zu wenige Studierende, die sich für den Beruf des Allgemeinmediziners entscheiden.

Beide hat nichts mit der Anzahl der Studienplätze zu tun. Sondern damit, dass das österreichische Gesundheits-und Krankenhaus System zu wenig attraktiv ist. Und dass es überhaupt nicht attraktiv ist für junge Menschen, am Land zu arbeiten, wo die Infrastruktur suboptimal ist, ebenso wie die Bildungsstruktur. Und wo es schwierig ist, beispielsweise für den Partner eine adäquate Arbeit zu finden.

Österreichs Krankenhausärzte werden im internationalen -westeuropäischen -Schnitt zu gering bezahlt, haben zu viele Überstunden und Nachtschichten und kraft der hierarchischen Systeme auch zu geringe Karrierechancen.

Die Allgemeinmediziner wiederum verdienen lächerlich geringe Honorare, die Erstberatung und die Zeit der direkten Zuwendung zum Patienten werden fast gar nicht bezahlt. Ohne Hausapotheke könnten Landärzte kaum überleben. Im urbanen Bereich benötigt man zumindest 1000 Stammpatienten, um adäquat zu überleben – reich werden kann man davon nicht. Und viel Zeit für individuelle Zuwendung bleibt auch nicht.

Wenn die Politik nun glaubt, mit mehr Studienplätzen auch mehr Interesse beispielsweise an Allgemeinmedizinern zu schaffen, irrt sie. Die Zeiten, da man sich händeringend an die Politik wandte, um einen Turnusplatz oder eine Anstellung zu bekommen, sind seit Jahrzehnten vorbei. Das Gegenteil ist der Fall. Kassenstellen werden nicht angestrebt, weil die Arbeitsumstände und die Bezahlung schlecht sind. Und weil die Flexibilität fehlt, zum Beispiel Praxen zwischen zwei halbtags tätigen Ärzten zu teilen. Weil es in den meisten Spitälern kaum verbindlich geregelte Dienstzeiten gibt, sodass Ärzte zumindest zwei volle Wochenenden freihaben. Zudem gibt es zu wenige Halbtagsarbeitsplätze- vor allem für Frauen. Und kaum interne Kinderbetreuungseinrichtungen.

Im Übrigen: Bis die von Frau Mikl Leitner geforderten zusätzlichen Studienplätze auch zu mehr ausgebildeten Fachärzten führen, vergehen 10 bis 12 Jahre. Soweit denkt österreichische Politik normalerweise nicht. Man denkt und handelt eher nach Regierungsperioden.

Was wir aber wirklich dringend brauchen, sind mehr Ressourcen und mehre Geld für die Universitäten und Universitätskliniken. Alleine für das AKH werden in den kommenden Jahren bis zu 2,5 Milliarden lediglich für den Umbau notwendig sein.  Wir sollten die Zahl, der an den Medunis arbeitenden Ärzte vermehren, sodass mehr Zeit für Lehre und praxisnahe Ausbildung und vor allem für Forschung übrig bleibt.

Vor allem aber brauchen wir akut mehr Ärzte- und viel mehr Pflegekräfte – in den Spitälern. Und Strukturen, die eine hochqualitative Ausbildung für Jungmediziner garantieren. Derzeit verbringen Turnusätze bis zu einem Drittel ihrer Dienstzeit mit administrativen Tätigkeiten oder Hilfsdiensten.

Da liegen die Herausforderungen. Und nicht bei den Studienplätzen.

Im Übrigen wären die Landespolitiker gut beraten, ihre eigene Spitalsstrukturen zu überdenken und sich von  Herzogtümern zu verabschieden : Umwandlung von kleinen Krankenhäusern in Pflegehäuser oder Erstversorgungszentren, uneingeschränktes ja zu Hausapotheken und vernetzten Allgemeinordinationen sowie zu Schwerpunktkrankenhäusern, die auch die notwendigen Fallzahlen aufweisen, um Qualität abzusichern. Und natürlich: Mehr Personal.

Und. Endlich mehr Wertschätzung für alle, die im Gesundheitsbereich tätig sind.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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