Vom Spitzenland zum grauen Durchschnitt. Und dann? Der Crash? Die OECD zeigt es auf.

1,300 total views, 15 views today

Bis vor drei Jahren waren wir unter den Top 3, was das Gesundheitssystem betrifft. Jetzt sind wir abgerutscht. Das sagen die nackten Zahlen der OECD in der jüngsten Ausgabe der Health at a Glance. Mittlerweile geben ein halbes Dutzend Länder mehr pro Kopf für Gesundheit aus, als Österreich. Im Vergleich zu anderen Ländern sind die Ausgaben im Verhältnis zum BIP (Bruttoinlandsprodukt) – wenn man die stark steigenden Patientenzahlen berücksichtigt – gesunken. Bei der Durchimpfungsrate liegen wir unter ferner liefen. Unser System droht langsam aber sicher zu erodieren.

Zunächst ist es ohnehin nicht logisch, die Ausgaben für Gesundheit am BIP zu messen. Das wirtschaftliche Wachstum seitens des Staates hat nichts oder wenig mit dem gesundheitlichen Zustand seiner Menschen zu tun.

Was aber auffällt ist, dass die Zahl der privaten Zusatzversicherungen rasch ansteigt. Offensichtlich sinkt das Vertrauen in das Funktionieren des öffentlichen Systems. Fakt ist auch, dass viele Menschen sich eine derartige Versicherung nicht leisten können – schon gar nicht in der Pension, obwohl mit zunehmendem Alter die Wahrscheinlichkeit steigt, dass man die Versicherung in Anspruch nehmen muß.

Österreich hat lange Wartezeiten auf geplante Operationstermine – auch hier sind wir im Vergleich zu den Vorjahren abgesackt. Wie gesagt, wir sind noch im oberen Mittelfeld, aber bewegen uns zielgerecht nach unten.

Weil wir nicht investieren, weil wir zu wenig Ärzte und zu wenig Pflegekräfte haben. OECD-weit arbeitet jeder 10. Erwerbstätige im Gesundheits- und Sozialbereich, in manchen skandinavischen Ländern und BENELUX-Staaten sind es bis zu 15% und das bei steigender Tendenz.

In Österreich hingegen werden die Humanressourcen laufend knapper und die Situation wird sich noch verschärfen. Wir schieben einen Berg von Problemen vor uns her und die Politik hat keine anderen Aussagen als sparen. Oder nochmals umschichten. Die Lebenserwartung ist hoch, die subjektive Meinung der Einzelnen zu ihrem Gesundheitszustand aber eher schlecht. Auch das hat Gründe: wie die jüngsten Umfragen unisono gezeigt haben wünschen sich Menschen wesentlich mehr Zuwendung seitens des Pflegepersonals und der Ärzte. Doch das geht nicht, weil es zu wenig Ärzte gibt, die noch dazu zu wenig Zeit haben.

Der OECD-Bericht weist zwar eine gute Ärzteversorgungsdichte aus, macht dabei aber methodische Fehler berücksichtigt nicht, dass bis zu einem Drittel der Ärzte teilbeschäftigt sind und rechnet auch die Ärzte in Ausbildung hinzu und differenziert außerdem nicht zwischen Kassenärzte oder privat tätigen Ärzten (Wahlärzten). Würde man das korrigieren schaut die Situation anders aus.

Laut OECD-Bericht kommen auf 1.000 Menschen 14,5 Medizinabsolventen. Das ist ein guter Wert. Von diesen bleiben aber nur sechs in Österreich. Der Rest geht ins Ausland oder arbeitet nicht als Arzt.

Wenn wir so weiter tun, werden wir nicht mehr vom Muster-Medizin-Land Österreich reden, sondern von einem System, das vor dem Crash steht.

Es ist Zeit aufzuwachen, liebe Politik!

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Kommentar verfassen