Hilferuf nach dem Hausarzt! Umfrage in vier Wiener Bezirken: Deutlich über 70 Prozent sehnen sich nach einem Kassenarzt.

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Dem Hausarzt bringen die Österreicher immer noch das größte Vertrauen entgegen – vor allem, wenn er auch in Ortsnähe ordiniert. Das ist verständlich: der Arzt kennt seine Patienten und deren Familien, weiß um die Leides- und Krankengeschichten oder Medikamentenverträglichkeiten, kann rasch helfen. Nur: es gibt immer weniger Hausärzte mit Kassenvertrag. Und manchmal scheint es, als ob es von der Politik – trotz gegenteiliger Behauptungen – gar nicht so ungern gesehen wird.

Lächerlich niedrige Honorare, karge Entlohnung bei Hausbesuchen, überdurchschnittlicher Arbeitseinsatz und wachsende Bürokratie. Das alles hält immer mehr junge Mediziner davon ab, Allgemeinarzt zu werden. Das kann man niemandem verdenken.

Zudem wird der Arztberuf zunehmend weiblich – und viele Frauen wollen zumindest während der ersten Jahre sich ihren Kindern intensiver widmen und streben Halbtagsbeschäftigung an. Das geht bei einer Praxis nicht – außer man teilt sie auf zwei auf, was wiederum bürokratisch aufwändig und teilweise nicht möglich ist.

Unüberhörbar aber sind die Hilferufe der Menschen, die oft gegen ihren Willen gezwungen sind, Spitalsambulanzen aufzusuchen, und dort lange zu warten, bis sie drankommen. Oder Geld in die Hand zu nehmen und einen Privatarzt aufzusuchen.

Die Politik verspricht seit Jahren: Aufwertung des Hausarztes, sowohl pekuniär als auch im Image, Erleichterungen bei Ordinationsteilung und Gruppenpraxen. Alleine: es ist nahezu nichts geschehen.

Die Versorgungslücken – nicht nur am Land und in Randgebieten – werden immer größer. Alleine in Wien fehlen zumindest 300 Ärzte mit Kassenverträgen. Und es werden mehr, wenn die große Pensionierungswelle kommt. Für einige freie Ordinationsstellen finden sich keine Bewerber, weil das Arbeitsumfeld nicht stimmt.

Man muss sich vorstellen: Ein Hausarzt kann erst ca. ab dem 30. bis 32 Lebensjahr ordinieren. Zu diesem Zeitpunkt haben viele andere akademische Beschäftigte bereits eine Wohnung erworben, eine Familie gegründet und ihre Lebenskonzepte zumindest teilweise erfüllt.

Ein Arzt fängt mit 32 Jahren überhaupt erst an, auch private Bedürfnisse zu verwirklichen.

Die Patienten wissen das zu schätzen. Die Sozialversicherung und die Politik weniger. Im Gegenteil: die Arbeitsbedingungen werden immer schwieriger, die Regulatorien immer enger. Haftungsfragen sind dabei nur ein Bereich, der Ärzte davon abhält.

Und: Die Investitionen, gerade in IT-Infrastruktur werden immer höher. Die wenigsten Jungärzte haben genug Eigenkapital, um alles zu stemmen.

Dabei könnte die öffentliche Hand durchaus mit einfachen Mitteln helfen: niedrigere Mieten und von vornherein Barrierefreiheit in den kommunalen Anlagen, zinsfreie Darlehen für Basisinvestitionen, Steuererleichterungen wie es bei jedem EPU oder Mikrounternehmen der Fall ist. Bis hin zu Kleinigkeiten wie Parkpickerl.

Das wären Unterstützungsmaßnahmen, die man rasch umsetzen könnte.

Warum tut man es nicht. Oder hört nicht einmal zu, wenn seitens der Ärzte solche Vorschläge gemacht werden?

Das fragen nicht nur wir uns.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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