Pflegeimport und Altenexport ? Wie Medizin und Pflege zum Markt werden.

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Gesundheitsvorsorge ist mittlerweile ein globaler Wettbewerbsmarkt geworden. Das stellt den öffentlichen Gesundheitssystemen kein gutes Zeugnis aus und ist bezeichnend für das kontinuierliche Zurückfahren des Sozialstaates. Das mag ökonomische Vorteile haben, aber widerspricht dem Prinzip der sozialen Gerechtigkeit. Bereiche wie Gesundheit, Energieversorgung, Wasser und Altersvorsorge dürfen nicht den Ertragsmärkten überlassen werden. Wenn schon privatisieren, dann die Lotterien oder andere Staatsbeteiligungen. Fakt ist: derzeit herrscht – wieder einmal – die Tendenz, günstige Pflegekräfte zu importieren und Pflegefälle zu exportieren: nach Thailand, Vietnam oder sonst wo.

Die Stadt Wien will – wie schon zu Zeiten des Altbürgermeisters Helmut Zilk – Pfleger aus Philippinen ins Land holen. Sie sollten noch in ihrem Heimatgebiet ausgebildet werden und Sprachunterricht erhalten. Das ist ökonomisch sinnvoll.

Gleichzeitig ist ein krankenhausinterner Wettbewerb um die Ärzte entstanden. Innerhalb Österreichs und über die Grenzen hinaus. Man wirbt auf Messen und auf Karriereplattformen  oder mit Inseraten und auf Plakaten. Immobilentechnisch gesagt: ein Käufermarkt ist entstanden. Wer mehr zahlt, bekommt mehr.

Sozialabbau führt zu sozialen Klüften. Wer gesund bleiben möchte oder rasch behandelt werden will, womöglich, dann wenn er selbst bestimmt, muss zahlen. Wer lediglich sozialversichert ist, muss warten.

Sozialabbau führt zu Verknappung, Rationierung, Verengung in der Medikamentenversorgung.

Irgendetwas stimmt nicht im System. Und vieles macht skeptisch. Haben wir es notwendig zu privatisieren, was den Zusammenhalt einer Gesellschaft ausmacht? Haben wir es notwendig, eine Zweiklassenmedizin nicht nur zu tolerieren, sondern sie noch zu verschärfen? Haben wir es notwendig, Medikamentenverschreibungen von der „Restüberlebenszeit“ abhängig zu machen?

Wir leben in einer Zeit von Spardiktaten, obwohl es – allgemein gesehen – uns gut geht, wie noch nie. Obwohl Milliarden von Euro auf Konten liegen, die irgendwann vererbt werden. Obwohl der Staat Rekordeinnahmen erzielt, mit denen er angeblich Schulden der Vergangenheit abbauen will.

Haben wir vergessen was sozialer Mehrwert ist? Auf Menschen vergessen, die das Gefühl haben, nicht ausgegrenzt zu sein, sondern teilhaben können an der Gesellschaft? Was bringt es einer Gemeinschaft, wenn man Arbeitslosigkeit, damit bekämpfen will, dass man Menschen früher in den Ruhestand schickt und ihnen damit Selbstwert nimmt.

Gesundheitspolitik ist nicht nur Versorgung von Kranken, Gesundheitspolitik heißt, das Wohlbefinden von Menschen so gut wie möglich zu gestalten. Das heißt Bildungschancen für alle.

Infrastruktur und leistbares Wohnen und die Verpflichtung, Menschen, die Sicherheit zu geben, dass sie aufgefangen werden.

Derzeit ist man eher dabei, das feinmaschige Netz zu öffnen und zu durchlöchern.

Die Gesundheitsindustrie und deren Investoren freuen sich: garantierte Renditen mit hohem Ertragswert.

Inzwischen steigen Wartezeiten, füllen sich Ambulanzen und die Ordinationen der allgemeinen Kassenärzte werden weniger. Der Markt regelt scheinbar alles.

Und die Gesellschaft leidet.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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