Die datengierigen Krankenkassen! Patienten im Griff der Assekuranzen?

870 total views, 50 views today

Im Schweizer Parlament wird derzeit ein Antrag der Krankenkassen geprüft, ob sie Zugang zu Patientendaten haben dürfen. Zum besseren Profiling ihrer Kunden – und natürlich im Sinne eines effizienterem Gesundheitsmanagements, sagen die Kassen. Und verschweigen, dass es ihnen vor allem um Daten und Verknüpfungen sowie um Kosteneinsparungen geht. Wer chronisch krank ist oder eine lebensbedrohende Krankheit hat, soll halt mehr zahlen. Oder erhält keine Leistungen.

Die Ärztekammer protestiert, ebenso einige Krankenhausbetreiber: sie sehen – zu Recht – die Privatsphäre der Menschen verletzt und sich selbst entmündigt. Soll künftig die Krankenkasse entscheiden, wann und ob ein operativer Eingriff durchgeführt werden soll oder nicht?

Wo bleibt die Autonomie der freien Ärzte?

Letztendlich ist das Ganze auch eine Attacke gegen die Allgemeinmediziner, die Gatekeeper des Gesundheitssystems und Coaches der Patienten. Sie sind zur Verschwiegenheit verpflichtet und halten das ein. Deshalb ist auch das Vertrauen in die Hausärzte so hoch. Und deshalb sind gerade sie es, die ein gerechtes Gesundheitssystem garantieren.

Wenn Versicherungen nun über ihre Kunden Bescheid wissen, vielleicht gar wissen, was sie verdienen, in welchen Lebensumständen sie leben und welche Prognosen die Mediziner für sie erstellt haben, könnten sie ihr Risiko besser kalkulieren und Leistungen personalisieren. Die Leidtragenden sind die Patienten und die entmündigten Ärzte.

Dieses Problem ist in Ländern mit Versicherungspflicht – statt Pflichtversicherung – gravierender als bei uns. Man weiß aus Deutschland wie viele kleine Versicherungen beinahe pleite gegangen sind, weil sie Leistungen nicht mehr erbringen konnten, aufgrund der niedrigen Mitgliederzahl.

Deshalb ist es gut, dass wir in Österreich bei der Pflichtversicherung bleiben. Krankenkassenreform hin oder her. Und deshalb ist es wichtig, dass einheitliche Standards für Versicherungen gelten. Diese werden in Österreich derzeit ausgearbeitet. Wobei eines klar sein sollte: Wenn es um Harmonisierung geht, dann nach oben und niemals nach unten. Zwar hatte die Politik dies versprochen, aber so ganz verlassen sollte man sich nicht drauf.

Deshalb ist es gut, wenn es eine funktionierende Selbstverwaltung gibt. Und zwei verlässliche Vertragspartner, die offen miteinander reden können.

Wir sollten auch nicht die letzten Exzellenzen unserer Gesundheitsversorgung aufs Spiel setzen. Und alle dafür kämpfen, dass es zu keiner Verlagerung des Versicherungswesens in das Private gibt. Als Zusatz ja, aber nicht als Ersatz.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Kommentar verfassen