Und sie bewegt sich doch… Kommt die Impfpflicht in Österreich?

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Es tut sich etwas an der Impffront. Zwei namhafte ÖVP-Landeshauptleute, Mikl-Leitner und Schützenhöfer, haben sich für eine generelle Impfpflicht ausgesprochen und für eine Koppelung an den Mutter-Kind-Pass. Es scheint eine Kehrwende zu geben.

Und sie ist auch notwendig. Die Durchimpfungsrate bei Masern ist deutlich unter der notwendigen 95%-Quote, die Fälle an Masererkrankungen haben sich im heurigen Jahr verdoppelt, mit Tendenz nach oben.

Besonders niedrig ist in Österreich die Quote bei den Zweitimpfungen, auch bei jungen Erwachsenen, die impfresistent sind und demgemäß auch ihre Kinder beeinflussen. Dabei geht es nicht nur um Masern alleine. Auch andere, scheinbar längst ausgemerzte Infektionskrankheiten tauchen wieder auf, nicht vereinzelt, sondern mit signifikant hohen Zahlen: Tuberkulose, selbst Kinderlähmung.

Es wäre also an der Zeit, eine generelle Impfpflicht einzuführen wie sie in vielen Ländern üblich ist. Oder die Impfung an bestimmte Leistungen zu koppeln: Mutter-Kind-Pass, Zulassung an Universitäten und weiterbildenden Schulen, Anstellungen im öffentlichen Dienst und bei jenen Berufen, die mit menschlichen Dienstleistungen zu tun haben.

Und es wäre sinnhaft, durch aufklärende Maßnahmen auch die Quote bei den Grippeimpfungen zu heben, die derzeit noch niedrig ist. Viele Menschen lassen sich erst dann impfen, wenn die Grippewelle schon da ist. Und dann kommt es immer wieder zu Engpässen bei den Impfstoffen, weil der tatsächliche Bedarf nicht kalkulierbar ist und die Pharmaindustrie ohnehin gerne auf Verknappungsmarketing achtet.

Mit einer generellen Impfpflicht – zum Beispiel für Masern und andere gefährdende Infektionskrankheiten – hätte man auch ein wesentlich stärkeres Druckmittel gegen die Pharmaindustrie und den Großhandel, rechtzeitig die benötigten Quantitäten zur Verfügung zu stellen. Die Pharmaindustrie ist kein gemeinnütziger Verein, sondern knallhart auf Gewinnmaximierung ausgerichtet.

Das gilt nicht nur bei den Impfstoffen, sondern auch bei anderen wichtigen Medikamenten, die „plötzlich nicht zur Verfügung stehen“.

Je konsequenter die Verordnungen sind, umso stärker kann man auch der Industrie gegenübertreten und vorsorgend agieren.

Die Ärztekammer hat sich nach reiflichem Überlegen für die Impfpflicht ausgesprochen und gleichzeitig auch für eine deutliche Aufstockung bei den Schulärzten. Denn hier besteht eine große Versorgungslücke. In Wien kommt auf knapp mehr als 1.000 Schüler lediglich 1 Schularzt. Damit kann man weder sinnhafte Prävention und Gesundheitserziehung betreiben, noch Krisenintervention.

Es bleibt zu hoffen, dass die neue Bundesregierung Einsicht hat und auf die Landeshauptleute und Experten hört. Und nicht auf die Antiimpflobby.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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