Die ärztliche Freiheit ist kein Privileg, sondern ein Auftrag! Gegen Funktionalisierung und Deprofessionalisierung durch ökonomische Zwänge.

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“Der Arztberuf ist ein freier und gemeinwohlorientierter Beruf, dessen Hauptcharakteristikum in der Ausrichtung auf das Wohl der dem Arzt anvertrauten Patienten liegt. Es gehört daher zur Verantwortung eines jeglichen Arztes, sich gegen eine privatwirtschaftliche Vereinnahmung und gegen eine kontraproduktive Deprofessionalisierung seiner Tätigkeit zur Wehr zu setzen“. Das schreibt nicht irgendwer, sondern der wohl bekannteste Medizinethiker im deutschsprachigen Raum, Giovanni Maio.

Er hat Recht. Gerade jetzt, da von allen Seiten – Politik, Gesundheitsökonomie und Krankenhausökonomie – versucht wird, die Autonomie, Selbstverwaltung und Freiheit der Ärzteschaft zu unterminieren.

Um es klar zu sagen: Ärzte sind weder Gewerbebetreibende noch Staats- oder Stadtangestellte. Denn der Staat hat die Verantwortung über die Gesundheitsorganisation den selbstverwaltenden Institutionen übertragen und sich – zu Recht – als Dienstgeber und Auftraggeber zurückgezogen. Daran sollte sich die Politik auch halten.

Die Ärzte sind allein ihrer eigenen, selbsterstellten Berufsordnung und dem Wohl des Patienten verpflichtet.

Kein Krankenhausverwalter kann einem Arzt vorschreiben, was er zu tun hat. In der Praxis jedoch versuchen die Erhalter und Ökonomen, immer stärker Einfluss auf Therapie, Wahl der Behandlung und Medikation Einfluss zu nehmen. Weil sie ertragsorientiert denken. Und weil jede langwierige, aber beispielsweise konservative Therapie teurer ist als eine rasche Operation, die mehr Geld einbringt.

Ebenso versucht die Politik immer wieder Einfluss zu nehmen und die Selbstverwaltung aufzuweichen. Bei der Krankenkassenreform ist es ihr – noch – nicht gelungen. Im Gegenteil: Die Sozialpartnerschaft ist gestärkt. Vor allem dann, wenn die einzelnen Vertreter nach ihren standespolitischen Überzeugungen handeln und Parteipolitik beiseite lassen. Denn es geht um den Erhalt der Selbstbestimmung.

Sie alleine  ist der Garant dafür, dass es zu keiner noch massiveren Privatisierung der Gesundheitsversorgung kommt und es zu einer Frage des Geldes wird, ob ein Patient behandelt wird oder nicht. Wir wollen nicht Zustände wie in den USA; wo man zuerst die Scheckkarte zücken muss, bevor man überhaupt einen Arzttermin bekommt. Und wir wollen auch keine  Quasiverstaatlichung wie in England, wo der Zutritt anscheinend frei ist aber die Wartezeit so lange, dass sich die Therapien von selbst erübrigen. Sowohl das Eine als auch das Andere ist menschenverachtend.

Deshalb nochmals: Politiker lasst die Hände von der Organisation des Gesundheitswesens. Politik sollte lieber den Rahmen erstellen, sich dessen bewusst sein, dass Gesundheit kein Kosten – sondern ein Investitionsfaktor ist und darüber hinaus froh sein, dass es so engagierte und erfahrende Sozialpartner gibt.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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