Weniger Privat! Mehr Staat! Das muss das Motto der Gesundheitsversorgung sein.

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Priorität in der Gesundheitsversorgung muss das öffentliche Gesundheitssystem haben, um eine weitere Privatisierung der Gesundheitswirtschaft zu stoppen. Sonst entsteht massives Ungleichgewicht. Grundprinzip muss sein: der möglichst niedrigschwellige Zugang zur Spitzenmedizin für alle. Hochqualitative Pflege und Rehabilitation für alle, unabhängig von dem, wie viel sie in das Sozialsystem eingezahlt haben.

Das bedingt, dass die steuerrechtlichen Zuschüsse zum Gesundheitssystem – insbesondere im Betrieb und der Gestionierung von Krankenhäusern und in der klinischen Forschung steigen müssen. Ebenso die Investitionen in Alterspflege, die wohl größte Herausforderung angesichts der aktuellen demografischen Entwicklung.

Das ist keine Absage an private Zusatzversicherungen, mit der Betonung auf Zusatz. Wer im Krankenhaus Hotelservice genießen will und bei planbaren Operationen mehr Flexibilität erwartet, soll das bekommen. Dafür zahlt er auch. Allerdings sollten die privaten Versicherungen einmal zugesagte Leitungsstandards auch einhalten, ohne die Prämien so stark zu erhöhen, sodass sie für Durchschnittspensionisten nicht mehr leistbar werden. Auch hier gilt es auf Gerechtigkeit zu achten.

Dass die Investitionen höher werden müssen, liegt freilich nicht nur an der Demografie. Nach wie vor herrscht aktueller Personalmangel und teilweise Investitionsstau in der Technik und Ausstattung der Kliniken. Und nach wie vor wird zu wenig Geld für die klinische und grundlagenorientierte Forschung ausgegeben, sodass sich immer weniger internationale Kapazunder finden, die hier forschen wollen und exzellente Studenten anziehen. Das ISTA ist nach wie vor eine Ausnahme – wobei sich die ersten Früchte schon zeigen.

Absoluter Schwerpunkt muss aber – angesichts der vielen neuen zivilisations- und technikgetriebenen chronischen Krankheiten – auf Prävention gelegt werden. Derzeit kann man nur intensiv untersucht und in punkto Gesundheitszustand effizient gecheckt werden, wenn man krank ist. Gesunde müssten sich einen – teuren – umfassenden Check bezahlen. Gesundenuntersuchungen werden zwar von der Sozialversicherung bezahlt, allerdings zu wenig in Anspruch genommen auch hier gehört der Leistungskatalog häufiger erneuert. Dabei sollten sie belohnt werden, weil sie freiwillig einen Beitrag zur vorrausschauenden Gesundheitspolitik leisten. Hier muss das System auf den Kopf gestellt werden – von einer krankheitsorientierter zu einer gesundheitsorientierten. Und zwar so früh wie möglich.

Wenn schon vom Sparen die Rede sein soll, dann langfristig. Substantielle Einsparungen kann man nur erzielen, wenn man jetzt und heute  intensiv in Prävention investiert. Das ist vergleichsweise wenig im Vergleich zu den enormen Kosten, die in ein oder  zwei Jahrzehnten erspart werden können, wenn es weniger chronisch kranke Patienten gibt, wenn frühzeitig Schädigungen erkannt werden und laufende Gesundheitsbegleitung- und Gesundheitscoaching betrieben wird. Womit wir wieder beim klassischen Hausarzt sind, der bei der Bevölkerung das größte Vertrauen hat.

Es gilt also, mehr Studierende zu motivieren, Hausärzte zu werden (vielleicht gibt es ja einmal die Facharztausbildung dazu) die Arbeitsumstände zu verbessern und die Honorare zu erhöhen, und Zuschüsse bei der Praxiseröffnung einzuplanen. Hier sind Bund gleich wie Gemeinde gefragt, und hier muss die Ärztekammer auch deutlich mehr Mitspracherecht erhalten: als Expertisengeber und Motivator.

Deshalb: mehr Staat und Öffentlichkeit, als mehr Privat und keine  größere Kluft zwischen wohlhabend und nicht wohlhabend.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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