Das Ende für Allgemeinmediziner und Kinderfachärzte? 95 Kassenstellen für Hausärzte unbesetzt, 26 bei Kinderärzten und 16 bei Frauenärzten. Höhere Honorare und bessere Arbeitsbedingungen sind ein Muss.

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40 Prozent mehr unbesetzte Kassenstellen bei Allgemeinmedizinern, bald wird die Hunderter Grenze erreicht sein. Vor allem am Land wird der Ärztemangel dramatisch. Bei Kinderärzten ist die Situation ähnlich besorgniserregend. 26 Kassenordinationen sind unbesetzt.

Die Gründe liegen auf der Hand. Es wird ökonomisch immer schwieriger eine Arztpraxis zu erhalten. Viele Landarztpraxen können ausschließlich wegen der Hausapotheken überleben. Zeit für die Patienten gibt es immer weniger. Die Administration hingegen wird immer mehr. Und immer weniger junge Ärzte sind bereit, 70 Stunden und mehr zu arbeiten. Und viele gehen auch deshalb nicht aufs Land, weil die Infrastruktur ausgedünnt ist: Es gibt kaum adäquate Jobs für Lebenspartner, die Kindergärten haben vielfach keinen Nachmittagsdienst oder sind kilometerweit entfernt. Das gilt auch für höhere Schulen. Kulturelle Attraktionen sind rar.

Bei Kinderärzten ist zudem die Betreuung der Patienten noch aufwendiger als in anderen Fächern. Man hat es mit besorgten Eltern und Kindern zu tun, die sich noch dazu nicht leicht tun, sich zu artikulieren. Ein Mann- oder Ein Frauen- Praxen sind damit kaum zu führen. Weder ökonomisch noch hinsichtlich des zeitlichen Aufwandes.

Telemedizin schafft kaum Abhilfe. Die Patienten wollen den Arzt sprechen und wollen persönlich betreut werden. Für viele ältere Menschen ist zudem der Arztbesuch – und wenn es nur darum geh , sich Medikamente weiter verschreiben zu lassen – der wesentliche soziale Kontakt.

Der Trend zu unbesetzten Kassenstellen wird sich verschärfen, wenn nichts geschieht. Wenn nicht zumindest die Honorarsätze deutlich angehoben werden und es auch für Beratungsgespräche eine adäquate Bezahlung gibt. Von den lächerlich geringen Entgelten für Hausbesuche will ich gar nicht reden. Kein Handwerker würde zu diesen Bedingungen arbeiten.

Die mehr als 70 angekündigten Primärversorgungseinrichtungen werden – wenn sie überhaupt so rasch etabliert werden – da kaum Abhilfe schaffen. Vor allem sind sie kein Ersatz für den Hausarzt und können wohnortnahe Versorgung auch nicht garantierenDas österreichische Gesundheitssystem ist auf dem Allgemeinmediziner als wohnortnahmen Arzt des Vertrauens, der jahrzehntelang begleitet und besonders beliebt bei seinenPatienten ist, aufgebaut. Derzeit schaut alles danach aus, als ob dieses Prinzip langsam aber sicher erodieren würde.

Das dürfen wir nicht zulassen. Weder die Gesundheitspolitik noch die Lokalpolitik, sprich die Bürgermeister und Gemeinderäte.

Dass unsere Gesellschaft eine Altersgesellschaft ist, wissen wir schon seit Jahren. Zuschauen ist zu wenig.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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