Darf man Medikamente verlosen? Zolgensma-Strategie zeigt Grenzen des Gesundheitssystems auf!

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Zolgensma ist das derzeit  teuerste Medikament der Welt. Derzeit. Etwa 2,1 Millionen Dollar würde Novartis regulär verlangen. In einer Marketingaktion, anders kann man es kaum bezeichnen, verlost Novartis nun 100 Spritzen. Gratis. Denn außerhalb der USA ist das Medikament nicht zugelassen und wird von den Krankenkassen auch nicht bezahlt.

Zolgensma soll Kindern, die an einem schweren Gendefekt – spinale Muskelatrophie –  leiden, helfen. Oder zumindest die Konsequenzen dämmen. Novartis hat nun weltweit 100 Spritzen gratis zur Verfügung gestellt. Eltern deren Kinder betroffen sind, können sich auf einer eigenen Page anmelden. In einem Random-Verfahren wird dann entschieden, welches Kind die Spritze bekommt. Ob das Zufallssystem herrscht oder andere Mechanismen, ist nicht einsichtig.

Zolgensma ist kein Einzelfall. Bereits im Vorjahr gab es Aufregung um das Medikament Sovaldi gegen Hepatitis C, das für ältere Patienten nicht mehr, für junge aber sowohl, bezahlt wird. Argument: Die Lebenserwartung von jungen Patienten ist höher.

Die US-Arzneimittelaufsicht FDA rechnet damit, dass jährlich etwa 10 bis 12 neue Gentherapie entwickelt werden – die Medikamente dürften entsprechend teuer sein.

Für die meisten Gesundheitssysteme weltweit – und für alle Versicherungen – stellt sich damit die Frage, was noch leistbar ist und was nicht. Vor allem für wen. Alle Betroffenen zu behandeln, überfordert die Krankenkassen, auch wenn sie staatlich gestützt werden. In Systemen wie in Deutschland, wo Versicherungspflicht herrscht, es aber keine Pflichtversicherung gibt, ist das Dilemma seit Jahren schon evident. Zahlreiche kleinere Kassen mussten zusperren oder fusionieren, weil sie Ihren Mitgliedern nicht mehr die ärztliche Behandlung garantieren konnten.

Es tut sich – wie schon bei Organverletzungen – die morale Frage aus: Wen kann man ausschließen, gibt es evidenzbasierte Gründe. Und wo hört die Versicherung auf Umlageverfahren oder auf Solidaritätsprinzip auf.

Können sich Staaten Gesundheitssysteme leisten, wo alle betroffenen Menschen kostenfreien Zugang zu allen Medikamenten erhalten, die sie eigentlich bekommen müssten?

Oder wird die Forschung – insbesondere zu seltenen Krankheiten – zurückgefahren, weil die Pharmaindustrie von vornherein glaubt, die Medikamente nicht mehr anzubringen.

Angesichts der riesigen Fortschritte der Medizin muss sich eine Gesellschaft – vor allem muss sich die Politik – fragen, wo die Grenzen der Finanzierung erreicht sind.

2,1 Millionen Dollar sind für Multimillionäre – und deren Zahl wächst rasch – kein Problem. Für alle anderen aber ja.

Und wie sollen sich Ärzte verhalten, wie werden Sozialversicherungen die Limits erklären. Wird man Forschungsmittel kürzen? Und was ist, wenn in etwa 10 bis 15 Jahren die Patente auf die teuren Medikamente ablaufen und sie plötzlich wieder leistbar wären.

Alles das sind Fragen, mit denen wir und alle in Zukunft beschäftigen müssen.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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