Bürgermeister ja. Ärzte nein? Über die seltsame Art der Kommunikationspolitik der Politik.

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Bürgermeister sollen wissen wer in ihren Gemeinden Corona-Positiv ist. Damit sie die jeweilige Person und vor allem die Allgemeinheit besser schützen können. Das mag – wir sprechen vom angeblichen Hausverstand – gerechtfertigt sein, vorübergehend. Was aber nicht geht, dass die Ärzte davon nicht informiert werden. Dass ihnen gewissermaßen die Vertraulichkeit, das wohl höchste Gut im Umgang mit Patienten kalt entzogen wurde.

Wer, wenn nicht der Hausarzt, kann über seine Patienten objektiv urteilen, schließlich kennt er sie, weiß um ihre Erkrankungen und zumeist auch über ihre physische Resilienz und psychischen Befindlichkeiten.

Gerade der Hausarzt hat in diesen Zeiten der allgemeinen Verunsicherung eine Schlüsselfunktion: Er weiß welche Medikamente sein Patient benötigt, welche Kontraindikationen es gibt, welche Nebenwirkungen zu erwarten sind: zum Beispiel, wenn jemand blutdrucksenkende Medikamente nehmen muss.

Der Hausarzt muß wissen, wer positiv ist, um zu monitieren, behandeln und um gegebenenfalls auch den Patienten in das Spital zu überweisen.

Den Hausarzt zu umgehen, sei es über  den Umweg der Analyse von Rezepturen oder durch die direkte Information der Bürgermeister, ist schlicht weg dumm und zudem an der Grenze des Legalen.

Denn die Verschwiegenheitspflicht des Arztes darf nicht durch Dritte ausgehebelt werden, auch wenn es parlamentarische Beschlüsse oder Verordnungen geben sollte.

Zudem geht es um etwas anderes: Um Stigmatisierung, die in ländlichen Gemeinden besonders rasch da ist. Wissen darf nie instrumentalisiert werden. Das gehört zu den Grundsätzen der Demokratie und es gerecht Staates.

Deshalb: wenn schon, dann die Ärzte informieren, integrieren.

Es genügt nicht, wenn man abendliche oder morgendliche Hymnen über die Einsatzbereitschaft der Ärzte singt und andererseits den Ordinationen viel zu wenige Masken und Schutzanzüge zur Verfügung stellt und sie gewissermaßen im „Trockenen“ lässt. Denn es ist Tatsache, dass nicht nur viele Krankenhäuser, Pflegeheime etc. mit Masken deutlich unterversorgt sind, sondern vor allem die Haus- und Fachärzte. Sie aber sind in Zeiten wie diesen diejenigen, die dafür sorgen, dass kranke Menschen behandelt werden können, so gut es geht. Und sie können ihre besonders vulnerablen Patienten anstecken, was alle Bemühungen konterkarieren würde.

Eines gilt es festzuhalten: es gibt hunderttausende kranke Menschen in Österreich, oder Menschen, die therapiert werden müssen jenseits von Corona. Und auch die wollen sicher versorgt werden-durch die Ärzte im niedergelassen Bereich und in den Spitälern und die gehören geschützt.Jetzt und nicht nachdem die Pandemie vorbei ist.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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