Begreifen wir endlich: Es ist eine Pandemie! Das Virus kreist um die Welt. Wir werden mit ihm leben müssen.

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Peking riegelt mehrere Bezirke ab: Das ist so, wie wenn ganz Österreich wieder auf Lockdown wäre. In Brasilien – eine Semi-Diktatur quasi – werden gar keine Statistiken mehr veröffentlicht. Schweden erreicht jetzt erst die Spitze an täglichen Neuinfektionen, bei mittlerweile 5000 Toten in einem Zehnmillionenland. In den afrikanischen Staaten ist Corona angekommen. Wir alle müssen endlich begreifen: Wir müssen noch eine lange Zeit mit Corona leben. Das heißt: Wir müssen vor allem das Gesundheitssystem stärken, ausbauen, krisenelastisch gestalten.

Es gibt wieder Reisefreiheit, es gibt wieder Öffnungen – das ist psychologisch und wirtschaftlich notwendig, weil sonst alles zusammenbricht. Damit werden – und dessen sollten sich Politik, Wirtschaft und Lobbyisten bewusst sein sein – Schleusen für mögliche weitere Ansteckungen geöffnet.

Wir werden – und das scheinen Politiker wieder vergessen zu haben – nunmehr das Gesundheitssystem soweit stärken müssen, dass es im permanenten Krisenstatus funktionieren kann. Es gibt, und das sei aus medizinischer Sicht gesagt – keine Rückkehr in die Normalität – Corona wird uns begleiten.

Wir müssen realistisch damit rechnen, dass es spätestens im Herbst zu weiteren Hotspots kommen wird. Wir müssen – und das soll die Thematik der Politiker erklären – internalisieren, dass die Verbreitung exponentiell sein kann.

Und wir sollen – statt die neue Normalität auszurufen – kommunizieren, dass die neue Normalität heißt: Mit und trotz Corona leben.

Ich sage es seit Jahren: Wir brauchen ein Gesundheitssystem, das auf absolute Redundanz aufgebaut ist. Das betrifft die technischen Voraussetzungen, wie Masken, Schutzanzüge, Reagentien, Intensivbetten etc. – ebenso wie die Personalressourcen.

Was bislang persönliche Vorsorge genannt wurde, würde nun gesellschaftspolitische Vorsorge heißen. Vorsorgen für ein Gesundheitssystem, das so robust ist, dass es von heute auf morgen auf Notbetrieb umschalten kann, ohne dass der Normalbetrieb darunter leidet.

Gesundheitspolitik neu muss heißen: Sofort und Reserven. Und zwar in Permanenz.

Dass Wirtschaft das Gegenteil will und ist, nämlich bewusste Verknappung der Ressourcen, ist logisch und läuft dem Primat der Gesundheit scheinbar zuwider. Das bedeutet: Gesundheit muss ausschließlich Aufgabe der öffentlichen Hand sein. Ökonomische Kriterien müssen sekundär sein. Denn so paradox es klingen mag, erst dann, wenn sie sekundär sind, kann Wirtschaft wieder arbeiten.

Wirtschaft brauch gesunde und angstfreie Menschen. Menschen, die ein grundsätzlich positives Wohlbefinden haben. Das aber kann nur ein gutes Gesundheitssystem leisten.

Politik sollte kommunizieren: Wir alle werden in der nächsten zeit mit dem Virus leben.

Dann können wir auch damit umgehen.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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